Teil 1 einer Blog-Serie von Mag. Maria Eisl

Dem Weisen gehört der Augenblick

Vor jeglicher Erziehungstätigkeit braucht das Baby Liebe und Geborgenheit. Das Stillen der Grundbedürfnisse darf und soll in dieser Phase im Blickpunkt jeder Mama stehen.

Der Lebenszyklus eines jeden Menschen hält viele Phasen bereit. Manche begrenzen sich automatisch durch das Voranschreiten der Zeit. Das Baby wird zum Kind, der Jugendliche zum Erwachsenen. Jede Jungfamilie wird irgendwann zur Herkunftsfamilie und der Generationenwechsel nimmt seinen Lauf. Der Rentner denkt zurück an die Ausbildungsjahre und das darauffolgende Berufsleben. Eltern werden zu Großeltern und nicht selten geben sie das Zeugnis, dass gerade die Zeit mit ihren Enkeln zu der schönsten ihres Lebens gehört. Ereignisse beeinflussen diese Phasen und lassen sie uns glücklich oder traurig, sinnerfüllt oder sinnlos, entspannt oder stressig erleben. In welcher Lebensphase der Mensch sich auch immer befindet, er kann weder die Zukunft vorhersehen noch die Vergangenheit verändern, doch der Augenblick gehört ihm. 

Das erste Modell für Liebe und Hingabe sind dem Kind die Eltern. Was Kinder erleben und erfahren, prägt ihr späteres Leben. Es ist gut, sich Gedanken über die einzelnen Entwicklungsschritte zu machen, weil man so besser darauf reagieren kann. Wenn ein Mensch in der Kindheit etwas entbehren musste, was er gebraucht hätte, so bleibt ein Bereich in seiner Entwicklung unvollständig. Eine Sehnsucht wurde nicht gestillt, und dieser jagt er dann vielleicht sein ganzes Leben lang nach.

Bindung

Ich möchte nun die ersten Lebensmonate eines Kindes kurz beleuchten. Im Mutterleib erlebt das Kind weder Hunger noch allein sein. Es hört den Herzschlag der Mutter und dadurch ist automatisch eine körperliche Verbindung gegeben. Doch für eine geist-seelische Bindung zwischen Mutter und Kind bedarf es der Annahme. Sowohl Vater wie Mutter können, beim Sprechen mit dem ungeborenen Kind, beim Streicheln des Bauches, durch die Reaktion auf das Strampeln, mitteilen:

Du bist erwartet und schon jetzt geliebt und ein Teil unserer Familie.

Eine Frau erzählte mir voller Traurigkeit, dass sie sich während der ganzen Schwangerschaft nicht auf das Kind freuen konnte. Zu viele Sorgen in der Familie hielten sie gefangen. Aber gerade dieses Kind wurde dann zur großen Freude aller. Jetzt plagen sie manchmal Gewissensbisse, weil sie ihre Tochter neun Monate lang abgelehnt hat. Als Eltern können wir uns die Frage stellen: „Wie war die erste Reaktion auf unser Kind?“ Wir können darauf vertrauen, dass Gott alles heil machen kann. Gott war von Anfang an von diesem Kind begeistert. In Psalm 139 lesen wir: „Du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoß meiner Mutter. Ich danke dir, dass du mich so wunderbar gestaltet hast.“

Wie das Urvertrauen wächst

Nach der Geburt ist für das Kind alles anders. Es ist auf die Liebe und Zuwendung der Eltern völlig angewiesen. Diese erste Phase soll das Kind stark erfahren dürfen.

Es gibt im Babyalter kein Zuviel an Liebe.

Das Baby entdeckt, dass sich das Verlassen des geschützten Mutterschoßes gelohnt hat. Ja, dass sich sogar – ganz neu – großartige Möglichkeiten wie Lachen, Strampeln, Krabbeln, Sprechen, Gehen auftun. Beim Stillen hört es den Herzschlag der Mutter wieder. Das Gesicht der lächelnden Eltern ist die beste Unterhaltung. Ebenso sollen die Eltern für genügend Ruhephasen sorgen. Urvertrauen wird durch liebevolle, seelische Nähe und Annahme sowie der Absättigung der Grundbedürfnisse aufgebaut. Urvertrauen heißt, dass ich dem Leben vertraue und an das Gute im Menschen glaube. Ein Leben lang müssen wir Schritte ins Ungewisse wagen. Wir können dies nur, wenn wir darauf vertrauen, dass es das Leben gut mit uns meint und lebenswert ist.

Brücke ins Leben

Die erste Brücke als Sinnbild ist die Mutter. Der Bindungsaufbau zur Mutter steht in der ersten Lebensphase im Mittelpunkt. Diese Mutter-Kind-Beziehung ist in den ersten Monaten schwer ersetzbar. Ist diese erste Brücke brüchig, wagt sich das Kind später viel schwerer über eine andere. Was ist, wenn der Heimathafen Mama schon vorher weg ist, bevor ihn das Kind von sich aus verlassen wollte? Krabbelstuben sollten daher nicht der Normalfall sein, sondern eine Notlösung für eine schwierige Situation.

Eltern wollen für ihr Kind ein Zuhause der Geborgenheit schaffen. Sich als Eltern die Frage zu stellen: „Was ist unser Kind für uns?“, kann sehr aufschlussreich sein. „Ist uns unser Kind Geschenk, Sonnenschein, größtes Glück und größte Freude? Oder denken wir bei dieser Frage nur an viel Arbeit, finanzielle Belastung und Stress?“ Es tut gut, sich als Paar immer wieder auszutauschen, wo wir uns in unseren Aufgaben als Eltern unterstützen und entlasten können.

Eltern wissen und erleben, dass ihre Liebe und Hingabe reichlich belohnt wird. Wie zauberhaft, wenn uns das Baby das erste Mal anlächelt oder vor lauter Freude fröhlich quietscht und wenn die ersten Worte „Ma-ma“, „Pa-pa“ im Rhythmus des Herzens erklingen.

Eine Zukunft in alle Ewigkeit

Die Ursehnsucht des Menschen ist zu lieben und geliebt zu werden. Eltern, die sich in der Liebe Gottes aufgehoben wissen, können ihren Kindern diese bedingungslose Liebe weitergeben. Wenn ich weiß, ich habe eine Zukunft in alle Ewigkeit, kann der oft verbreitete Pessimismus unserer Zeit nicht greifen. Kinder brauchen den Optimismus für ein gelingendes Leben.

Das Familienleben ist kunterbunt.

Vielleicht gerade deshalb, weil im Familienverband Menschen in den unterschiedlichsten Phasen das Leben miteinander teilen. Viele Entwicklungszeitfenster werden uns nur für eine kurze Zeit geschenkt. Es liegt an uns, diese Augenblicke nicht ungeachtet an uns vorüberziehen zu lassen. Wenn wir klug sind, werden wir uns trotz aller herausfordernden Aufgaben und Pflichten im Alltagsfamilienleben Zeit für diese Momente nehmen.

Wenn wir an unsere Grenzen kommen, wünschen wir uns nur, dass eine anstrengende, stressige Zeit einfach vorbeigeht. Nicht wenige Probleme resultieren aus einer familiären oder beruflichen Überbelastung. Es ist daher wichtig, dass wir uns als Paar gegenseitig stützen und entlasten. Durch eine gute Arbeitsaufteilung und Absprache können wir den Familienalltag positiv gestalten und nicht nur irgendwie bewältigen. Die Folge daraus sollte nicht nur ein harmonisches Familienleben sein, weil sich keiner überfordert fühlt, sondern vor allem Freiraum für die Partnerschaft schaffen.

Die Partnerschaft muss immer einen vorrangigen Stellenwert im Familienleben haben. Wir brauchen als Paar Zeit füreinander: um uns zu sagen, dass wir uns lieben; um uns ohne Eile zu umarmen und innige Nähe zu erleben, um die Geborgenheit der Zweisamkeit zu genießen und unsere Zusammengehörigkeit zu vertiefen, um Pläne und Visionen miteinander zu schmieden. Denn unsere Liebe soll in jeder Lebensphase bestand haben.

 

Mag. Maria Eisl. Referat für Ehe und Familie, Mutter von vier Kindern, Begründerin des Elternprojektes „tiefverwurzelt“

Dieser Artikel erschien in „Sonne im Haus“, das Magazin für Mütter.

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