Brief an „Diognet“

Die Frage, wie denn Christen leben, wurde auch schon in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung gestellt. Als Antwort darauf schrieb ein unbekannter Verfasser wohl im zweiten Jahrhundert nach Christus den sogenannten „Brief an Diognet“. Viele Inhalte des Briefes sind verblüffend aktuell, so dass man mit ihm auch heute auf die Frage, was denn Christen auszeichne(n sollte), antworten kann. Im Folgenden sind Auszüge daraus zu lesen:

…setzen aber die Neugeborenen nicht aus.

5,1 Die Christen nämlich sind weder durch Heimat noch durch Sprache noch durch Sitten von den übrigen Menschen unterschieden.
5,2 Denn sie bewohnen weder irgendwo eigene Städte noch verwenden sie eine abweichende Sprache noch führen sie ein absonderliches Leben.
5,3 Wahrlich nicht durch irgendeine Einbildung oder Träumerei vorwitziger Menschen ist ihnen diese Lehre ersonnen worden, auch machen sie sich nicht zum Kämpfer einer menschlichen Lehre wie manche andere.
5,4 Und sie bewohnen griechische und nichtgriechische Städte, wie es ein jeder zugeteilt erhalten hat; dabei folgen sie den einheimischen Bräuchen in Kleidung, Nahrung und der übrigen Lebensweise, befolgen aber dabei die außerordentlichen und paradoxen Gesetze ihres eigenen Staatswesens.
5,5 Sie bewohnen ihr jeweiliges Vaterland, aber nur wie fremde Ansässige; sie erfüllen alle Aufgaben eines Bürgers und erdulden alle Lasten wie Fremde; jede Fremde ist für sie Vaterland und jede Heimat ist für sie Fremde.
5,6 Sie heiraten wie alle und zeugen Kinder, jedoch setzen sie die Neugeborenen nicht aus. (…)

… und zugleich haben sie Überfluss an allem

5,9 Auf Erden halten sie sich auf, aber im Himmel sind sie Bürger.
5,10 Sie gehorchen den bestehenden Gesetzen und überbieten durch ihre eigene Lebensweise die Gesetze.
5,11 Sie lieben alle und werden von allen verfolgt.
5,12 Sie werden verkannt und verurteilt, sie werden getötet und dadurch gewinnen sie das Leben.
5,13 Arm sind sie und machen doch viele reich; an allem leiden sie Mangel und zugleich haben sie Überfluß an allem.
5,14 Mißachtet werden sie und in der Verachtung gerühmt; verlästert werden sie und doch für gerecht befunden.
5,15 Geschmäht werden sie und segnen; sie werden verhöhnt und erweisen Ehre.
5,16 Obwohl sie Gutes tun, werden sie wie Übeltäter bestraft; mit dem Tode bestraft, freuen sie sich, als ob sie zum Leben geboren würden.

Gott selbst hat sein Wort ihren Herzen eingepflanzt

7,1 Denn nicht als menschliche Erfindung wurde diese Tradition — wie ich sagte – ihnen übergeben und nicht als sterblichen Gedanken wollen sie diese so sorgfältig hüten, auch nicht die Verwaltung menschlicher Mysterien ist ihnen anvertraut.
7,2 Sondern in Wahrheit hat der allherrschende und allerschaffende und unsichtbare Gott selbst, er selbst von den Himmeln her, die Wahrheit und sein heiliges und unbegreifliches Wort unter den Menschen Wohnung nehmen lassen und ihren Herzen eingepflanzt, nicht, wie man vermuten dürfte, indem er den Menschen irgendeinen Diener schickte, entweder einen Engel oder einen Fürsten oder einen der Gestalter der irdischen Verhältnisse oder einen, dem die Verwaltung in den Himmeln anvertraut ist. Vielmehr sandte er den Schöpfer und Lenker des Alls selbst, durch den er die Himmel geschaffen und durch den er das Meer in seinen eigenen Grenzen eingeschlossen hat, dessen Geheimnisse alle Himmelskörper treu bewahren, von dem die Sonne die Maße der Tagesumläufe zu beachten zugeteilt bekam, dessen Befehl gehorchend der Mond in der Nacht scheint, dem die Sterne gehorchen, die der Bahn des Mondes folgen, von dem alles geordnet und festgesetzt und dem alles unterworfen ist, die Himmel und was in den Himmeln sich befindet, die Erde und was sich auf der Erde befindet, das Meer und was sich im Meer befindet, Feuer, Luft, Abgrund und was sich in den Höhen und in den Tiefen und im Dazwischen befindet: diesen hat er zu den Menschen gesandt.
7,3 Doch etwa, wie man als Mensch wohl erwäge könnte, zum Zwecke von Gewaltherrschaft Furcht und Schrecken?
7,4 Aber keineswegs; sondern in Milde und Sanftmut, wie ein König seinen Sohn als König entsendet, sandte er ihn, als Gott sandte er ihn, als Mensch zu Menschen sandte er ihn, als Rettender sandte er ihn, zum Überzeugen, nicht zum Erzwingen: Bei Gott gibt es keine Gewalt.
7,5 Er sandte ihn als Rufer, nicht als Verfolger; sandte ihn aus Liebe, nicht zum Gericht.
7,6 Dennoch wird er ihn als Richter senden und wer wird dann seine Wiederkunft ertragen? (…)

8,1 Denn welcher Mensch wußte überhaupt, was die Gottheit wirklich ist, ehe Gott selbst gekommen ist?

(…) 8,5 Denn nicht ein Mensch hat ihn jemals gesehen oder erkannt, doch er selbst hat sich kundgetan.
8,6 Er tat sich aber durch den Glauben kund, der allein den Vorzug besitzt, Gott zu schauen.
8,7 Denn Gott, der Herrscher und Schöpfer des Weltalls, der die Gesamtheit gemacht und in einer bestimmten Ordnung eingerichtet hat, zeigte sich nicht nur als menschenfreundlich, sondern auch als langmütig. (…) Wer von uns hätte solches wohl jemals erwartet? (…)

Welch süßer Tausch…

9,5 Welch süßer Tausch, welch unerforschliche Walten, welch unverhoffte Wohltat, damit die Ungerechtigkeit vieler in einem einzigen Gerechten verborgen würde und die Gerechtigkeit eines einzigen viele Ungerechte rechtfertige!
9,6 Als er in der Zeit vorher das Unvermögen unserer Natur, zum Leben zu gelangen, aufgedeckt hatte, zeigte er aber jetzt, daß der Erlöser Macht hat, auch das Unvermögen zu retten. Durch beides wollte er, daß wir seiner Güte Vertrauen schenken, daß wir ihn ansehen als Ernährer, Vater, Lehrer und Ratgeber, als Arzt, Geist und Licht, als Kostbarkeit, Herrlichkeit, Macht und Leben und daß wir für Kleidung und Nahrung nicht ängstlich sorgen.

10,1 Wenn auch du dich nach diesem Glauben sehnst, lerne zuerst den Vater kennen.

10,2 Denn Gott hat die Menschen geliebt. Ihretwegen schuf er den Kosmos, ihnen ordnete er alles unter, was auf der Erde ist, ihnen gab er Redefähigkeit und Einsicht, ihnen allein gestattete er, empor zum Himmel zu blicken, sie gestaltete er nach seinem Ebenbild, zu ihnen sandte er seinen eingeborenen Sohn, ihnen versprach er das Himmelreich und er wird es denen geben, die ihn lieben.

Wie sehr wirst du den lieben, der dich so zuvor geliebt hat?

10,3 Wenn du aber ihn genau kennengelernt hast, von welcher Freude glaubst du, daß du erfüllt werden wirst? Oder wie sehr wirst du den lieben, der dich so zuvor geliebt hat?
10,4 Aber ihn liebend wirst du Nachahmer seiner Güte sein.

Und wundere dich nicht, daß ein Mensch Nachahmer Gottes sein kann; er ist dazu imstande, da Gott selbst es will.

10,5 Denn das Glück besteht nicht darin, über seine Mitmenschen zu herrschen und nicht darin, über die Schwächeren zu triumphieren und nicht darin, reich zu sein und die Niedrigeren zu unterdrücken: Auf solche Art kann niemand Gott nachahmen, sondern all das ist seiner Majestät fremd.
10,6 Wer hingegen die Last des Nächsten auf sich nimmt, wer in der Sache, in der er überlegener ist, dem Schwächeren Gutes tun will, wer das, was er von Gott empfangen hat, den Bedürftigen gewährt, der wird ein Gott für die Empfänger, dieser ist Nachahmer Gottes.

Quellennachweis:

http://ivv7srv15.uni-muenster.de/mnkg/pfnuer/diognet.html